DOMMUSIK AACHEN

Das Erlebnis von Klang und Raum

„15 Jahre Mädchenchor am Aachener Dom: Musikalische Reife und gelebte Gemeinschaft“

Es ist wenige Minuten vor 19 Uhr. Die großen Glocken des Aachener Doms sind gerade verstummt, nachdem sie mit ihrem festlichen Vorabendgeläut den Dreifaltigkeitssonntag angekündigt haben. Der Dom ist, wie so oft bei Konzerten der Dommusik, bis auf den letzten Platz gefüllt. Aus der Nikolauskapelle vernimmt man hier und da einige Streicher beim Stimmen; wer genau hinhört, kann sogar noch weiter entfernt ein Cluster freudig aufgeregter Stimmen junger Menschen aus dem Kreuzgang wahrnehmen. Die rund 120 Sängerinnen des Mädchenchors am Aachener Dom sind bereit.

Wenn man sie so beobachtet, gewinnt man beinahe den Eindruck, sie hätten nie etwas anderes getan: Immer mehr Mädchen und junge Frauen ziehen in perfekter Choreographie auf das große Chorpodest ein. Dann betritt Marco Fühner gemeinsam mit den beiden Solistinnen des Abends den Domraum. Dem Chorleiter ist die Freude über diesen besonderen Anlass anzusehen, als er vor Chor und Domorchester tritt.

Mit Franz Biebls A-cappella-Motette „Ave Maria“ beginnt das Konzert. Immer wieder tritt eine neue Solistin aus den Reihen des Chores hervor und eröffnet mit ihrem Ruf die Einsätze des Ensembles. Es sind diese sich aus dem Unisono heraus entwickelnden, immer weiter emporsteigenden Melodielinien, die schließlich in der Doppelchörigkeit und einer zunehmend schwebenden Harmonik kulminieren. Blickt man dabei in die Kuppel des Oktogons, entsteht beinahe der Eindruck, als würden die Klänge selbst dem Himmel entgegensteigen.

In diese Atmosphäre mischen sich die entrückten Klänge zu Beginn von Ola Gjeilos „Song of the Universal“ für Chor und Orchester. Über den Pizzicati der tiefen Streicher entfalten die Violinen ihre tänzerischen Kantilenen, bevor die erste Chorzeile einsetzt. Wohin man auch blickt, sieht man Freude am gemeinsamen Musizieren – jene besondere Gemeinschaft, die diesen Chor seit mittlerweile fünfzehn Jahren prägt.

Die Aufmerksamkeit der Sängerinnen für die Musik und ihren Chorleiter ist beeindruckend. Gerade an diesem Jubiläumsabend wird deutlich, wie eng musikalische Qualität und Gemeinschaftssinn hier miteinander verbunden sind. Gjeilo erweist sich einmal mehr als Meister weit geöffneter Klangräume, in denen traditionelle Harmonik und diatonische Cluster zu einer unverwechselbaren Tonsprache verschmelzen. Dabei stellt seine Musik durchaus hohe Anforderungen an die Ausführenden.

Nach einem großen Spannungsaufbau bleibt der Chor plötzlich allein mit zarten A-cappella-Klängen zurück. Dazwischen blitzen die Töne von Domorganist Michael Hoppe auf, der für dieses Werk am Klavier Platz genommen hat. Die Emotionalität dieser stellenweise fast filmmusikalisch anmutenden Klangwelt berührt das Publikum spürbar; manch einer greift zu Taschentuch und Brille, als die letzten Töne verklingen.

Marco Fühners Dirigat ist klar, präzise und von großer Ausdruckskraft geprägt. Seine Aufmerksamkeit gilt stets zuerst den Sängerinnen. Jeder Einsatz sitzt, auch komplexe rhythmische Passagen werden sicher und mit bemerkenswerter Ruhe geführt. Die Sängerinnen folgen aufmerksam und konzentriert.

Mit Antonio Vivaldis „Kyrie“ tauchen Chor und Orchester in die deutlich anders geprägte Welt der Barockmusik ein. Die von Chromatik und Vorhaltswirkungen geprägte Komposition wird souverän gestaltet. Auch heiklere intonatorische Passagen bleiben sauber und transparent. Das „Christe“ entwickelt sich zu einem fein austarierten Dialog zwischen den beiden Solistinnen Judith Hilgers und Silja Bothe, begleitet vom Domorchester mit tänzerischer Leichtigkeit.

Es ist zugleich ein schönes Zeichen der Kontinuität, dass Judith Hilgers mit ihrer für die Barockmusik hervorragend geeigneten, hell leuchtenden Sopranstimme gemeinsam mit ihren Schülerinnen diesen Abend gestaltet. Den Abschluss des Werkes bildet die große Fuge des erneuten „Kyrie“. Selbst die jüngsten Sängerinnen aus der vierten Klasse begegnen den Anforderungen dieser Musik mit bemerkenswerter Souveränität.

Vivaldis deutlich bekannteres „Gloria“ bildet das Herzstück des Konzerts. Bereits im eröffnenden Jubel wird deutlich, wie sehr Marco Fühner den Chor auf Leichtigkeit, Klangschönheit und Textverständlichkeit ausrichtet. Stets bleibt der Text Ausgangspunkt des musikalischen Gestaltens; die jungen Sängerinnen artikulieren so klar und präzise, dass jedes Wort mühelos verständlich bleibt.

Die großen Tutti-Chöre entfalten enorme Energie, ohne jemals schwer oder überladen zu wirken. Im „Domine Fili unigenite“ zeigt sich eindrucksvoll, mit welcher Präzision die Sängerinnen einen gemeinsamen Puls tragen. Die rhythmischen Herausforderungen dieser Musik werden mit Selbstverständlichkeit gemeistert. Selbst kleine Gesten – etwa das gemeinsame Aufstehen im Schlussakkord eines Satzes, um die Spannung unmittelbar in den nächsten zu übertragen – zeugen von der bemerkenswerten Geschlossenheit dieses Ensembles.

Quoniam tu solus sanctus“ greift Motive des Beginns wieder auf, ehe das abschließende „Cum Sancto Spiritu“ die ganze Kunst kontrapunktischer Gestaltung und fugierter Satztechnik entfaltet. Hier bündelt sich noch einmal die gesamte Energie dieses Abends.

Mit langanhaltendem Applaus und Standing Ovations würdigt das Publikum ein Konzert, das eindrucksvoll die musikalische Entwicklung des Mädchenchors am Aachener Dom in seinem fünfzehnten Jubiläumsjahr dokumentiert. Dabei wird deutlich, dass die besondere Qualität dieses Ensembles nicht allein in seiner musikalischen Leistungsfähigkeit liegt, sondern ebenso in der Begeisterung und Geschlossenheit seiner Sängerinnen.

Felix Heitmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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